Einbruchschutz ist in der Planung selten ein Gestaltungsthema und fast immer ein Detailthema. Die Fassade steht, die Fensterteilung ist abgestimmt — und dann taucht in der Ausschreibung die Anforderung „RC 2” auf. Was das für die Verglasung bedeutet, steht dort meist nicht. Genau an dieser Stelle entstehen Fehler, die später niemand mehr korrigiert, weil sie unsichtbar sind: Ein Fenster kann außen wie ein Sicherheitsfenster aussehen und trotzdem eine Scheibe enthalten, die mit einem Schraubendreher in Sekunden aus der Halterung gehebelt wird.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik zeigt, warum sich der Aufwand lohnt. Für 2025 registrierte die PKS 82.920 Wohnungseinbrüche einschließlich Versuchen, ein Plus von 5,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Aufklärungsquote lag bei 14,1 Prozent — rund 85 Prozent der Taten bleiben ungeklärt. Bemerkenswert ist die andere Zahl: Fast jede zweite Tat blieb im Versuchsstadium stecken. Das Bundeskriminalamt führt das maßgeblich auf Sicherungstechnik zurück. Wer ein Bauteil so plant, dass es drei bis fünf Minuten hält, verschiebt die Statistik in die richtige Richtung, weil ein erheblicher Teil der Täter in dieser Zeitspanne abbricht.

Warum die Verglasung der kritische Punkt ist

Eingebrochen wird überwiegend über leicht erreichbare Fenster und Fenstertüren. Das Glas ist dabei nicht zwangsläufig das erste Angriffsziel — Gelegenheitstäter hebeln zuerst am Flügel, weil das leiser und schneller geht. Sobald der Rahmen aber standhält, verlagert sich der Angriff auf die Fläche. Ein Standard-Isolierglas ist an diesem Punkt kein Hindernis: Die Scheibe zerspringt, das Loch ist groß genug zum Durchgreifen, der Griff wird von innen geöffnet.

Sicherheitsglas löst dieses Problem über die Verbundwirkung. Verbundsicherheitsglas besteht aus mindestens zwei Scheiben mit einer zähelastischen PVB-Zwischenschicht. Bricht das Glas, bleiben die Bruchstücke an der Folie haften — die Fläche bleibt geschlossen. Für die Einbruchhemmung wird diese Zwischenschicht dicker ausgeführt oder mehrlagig aufgebaut; genau darüber werden die Widerstandsklassen erreicht. Die Grundlagen dazu stehen im Vergleich von ESG, VSG und TVG, die Produktseite zu Verbundsicherheitsglas zeigt die typischen Aufbauten.

Wichtig für die Planung: Einscheiben-Sicherheitsglas ist für Einbruchhemmung ungeeignet. ESG zerfällt bei Bruch vollständig in stumpfe Krümel und hinterlässt eine offene Öffnung. Es schützt Personen vor Schnittverletzungen, nicht das Gebäude vor Zutritt.

EN 356: zwei Prüfprinzipien, acht Klassen

Die DIN EN 356 klassifiziert Sicherheitssonderverglasung nach ihrem Widerstand gegen manuellen Angriff. Sie kennt zwei grundsätzlich verschiedene Prüfungen, und dieser Unterschied wird in der Praxis regelmäßig übersehen.

Durchwurfhemmung (A-Klassen) wird im Kugelfallversuch geprüft. Eine Stahlkugel von 100 mm Durchmesser und 4,11 kg Masse fällt aus definierter Höhe dreimal in Dreiecksanordnung auf die Scheibe. Die Klasse ergibt sich aus der Fallhöhe:

KlasseFallhöheAnzahl SchlägeAufprallenergie
P1A1.500 mm3 (Dreieck)ca. 62 J
P2A3.000 mm3 (Dreieck)ca. 123 J
P3A6.000 mm3 (Dreieck)ca. 247 J
P4A9.000 mm3 (Dreieck)ca. 370 J
P5A9.000 mm3 × 3 (Dreieck)ca. 370 J

Geprüft wird der geworfene Gegenstand — Pflasterstein, Hammer, Gehwegplatte. Die Scheibe darf nicht durchdrungen werden.

Durchbruchhemmung (B-Klassen) simuliert etwas anderes: den ausdauernden, gezielten Angriff. Auf eine vierseitig gelagerte Scheibe von 1.100 × 900 mm schlägt eine maschinell geführte 2-kg-Axt, bis eine Öffnung von 400 × 400 mm entstanden ist — also eine Öffnung, durch die ein Mensch einsteigen kann. Gezählt wird die Anzahl der Schläge:

KlasseErforderliche Axtschläge
P6B30 bis 50
P7B51 bis 70
P8Bmehr als 70

Der Unterschied ist erheblich. P5A schützt gegen Wurfangriffe, hält einem entschlossenen Täter mit Axt aber nicht lange stand. P6B beginnt dort, wo die A-Klassen aufhören. Entsprechend unterscheiden sich die Aufbauten: P4A liegt bei rund 9 bis 10 mm Gesamtdicke, P6B je nach Aufbau bei 15 bis 18 mm, P8B bei über 25 mm. Das ist kein Detail für die Statik allein — es bestimmt Falzgeometrie, Beschlagsauslegung und Flügelgewicht.

Von der Scheibe zum Bauteil: DIN EN 1627

Eine Scheibe allein ist kein Einbruchschutz. Klassifiziert wird das komplette Bauteil aus Rahmen, Beschlag, Verriegelung, Befestigung und Verglasung — geregelt in DIN EN 1627 (Ausgabe 2021-11). Sieben Widerstandsklassen sind definiert, jeweils mit Tätertyp, Werkzeugsatz und Widerstandszeit:

KlasseWiderstandszeitTäterprofil / WerkzeugeVerglasung nach EN 356
RC 1 N3 minkörperliche Gewalt, Vandalismuskeine Anforderung
RC 2 N3 minGelegenheitstäter: Schraubendreher, Zange, Keilkeine Anforderung
RC 23 minGelegenheitstäter: Schraubendreher, Zange, KeilP4A
RC 35 minzusätzlich zweiter Schraubendreher, BrecheisenP5A
RC 410 minerfahrener Täter: Schlagaxt, Stemmeisen, Akku-BohrmaschineP6B
RC 515 minElektrowerkzeuge: Bohrmaschine, Säbelsäge, WinkelschleiferP7B
RC 620 minleistungsfähige ElektrowerkzeugeP8B

Ab RC 5 kommt eine Verschärfung hinzu: Die Verglasung muss zusätzlich zur EN-356-Klassifizierung den direkten Angriff während der Bauteilprüfung überstehen. RC 4 bis RC 6 erfordern schwere Konstruktionen und kommen im Wohn- und Bürobau selten vor.

Die polizeiliche Empfehlung für Wohngebäude lautet RC 2 — für Haustüren, Terrassentüren und alle leicht erreichbaren Fenster. RC 3 ist der sinnvolle Schritt bei erhöhtem Risiko: Erdgeschoss in dichter Bebauung, abgeschirmte Gebäuderückseiten, Objekte mit hochwertigem Inventar.

Der Fallstrick heißt „N”

Der häufigste Planungsfehler steckt in einem einzigen Buchstaben. RC 2 und RC 2 N klingen fast gleich und kosten unterschiedlich viel — der Unterschied ist die Verglasung.

Das „N” verweist auf nationale Regelungen. In Deutschland stellen RC 1 N und RC 2 N keine Anforderungen an die Verglasung. Die Bauteile werden im Labor zwar mit einer Sicherheitsverglasung (mindestens P4A) geprüft, dürfen in der Serie aber mit Standard-Isolierglas ausgeführt werden, solange das geprüfte Glasanbindungssystem eingehalten wird. Ein RC-2-N-Fenster hat also einen geprüften Rahmen und Beschlag — und eine Scheibe, die dem ersten Steinwurf nicht standhält.

Für erdgeschossige, leicht erreichbare Öffnungen ist das die falsche Wahl. RC 2 N ist dort sinnvoll, wo ein direkter Angriff auf die Glasfläche nicht zu erwarten ist, etwa bei hoch liegenden Fenstern ohne Aufstiegshilfe. Wer im Erdgeschoss ausschreibt, muss RC 2 schreiben — ohne N — und die Glasklasse P4A explizit nennen. Sonst liefert der Preisgünstigste völlig regelkonform ein Bauteil, das die Erwartung nicht erfüllt.

Praxisbeispiel: Erdgeschoss eines Bürogebäudes

Ein viergeschossiges Bürogebäude, Erdgeschoss mit 18 raumhohen Fensterelementen zur ruhigen Gebäuderückseite, davon 2 Fenstertüren. Die Ausschreibung nannte zunächst „einbruchhemmend, RC 2 N”.

In der Prüfung fiel auf: Die Rückseite liegt hinter einer Hecke, uneinsehbar von der Straße, mit Zugang über den Anlieferhof. Ein Angriff auf die Glasfläche ist dort wahrscheinlich, nicht unwahrscheinlich. Die Empfehlung lautete deshalb RC 2 mit P4A für die Standardelemente und RC 3 mit P5A für die beiden Fenstertüren, die als bevorzugte Einstiegsstelle gelten.

Der Aufbau änderte sich von einem Standard-Isolierglas 4/16/4 auf ein Element mit VSG aus 2 × 4 mm und 1,52 mm PVB auf der Angriffsseite — Gesamtdicke der Einheit rund 34 mm statt 24 mm. Konsequenz für die Planung: Der Falz musste 10 mm tiefer, das Flügelgewicht stieg um etwa 12 kg je Element, die Beschläge mussten eine Gewichtsklasse höher ausgelegt werden. Die Mehrkosten der Verglasung lagen bei rund 80 bis 110 Euro je Quadratmeter, bezogen auf 46 m² Glasfläche also etwa 4.000 Euro. Der Aufpreis für die Beschlagsanpassung kam hinzu.

Entscheidend war der Zeitpunkt: Die Prüfung fand vor der Vergabe statt. Bei einer nachträglichen Umstellung wären die Rahmenprofile bereits produziert gewesen — der Austausch hätte ein Vielfaches gekostet, weil bei einem geprüften Bauteil nicht einfach die Scheibe getauscht werden darf.

Was den Schutz trägt: das System, nicht die Scheibe

Ein RC-Bauteil ist ein geprüftes System. Wird ein Element verändert, erlischt die Klassifizierung. Das betrifft in der Praxis vier Punkte:

Glaseinstand und Verklotzung. Die Scheibe muss so tief im Falz liegen und so verklotzt sein, wie es im Prüfbericht steht. Ein zu geringer Glaseinstand macht die beste Scheibe wertlos — sie wird als Ganzes aus dem Rahmen gedrückt.

Glashalteleisten innen. Sie müssen raumseitig liegen oder gegen Demontage gesichert sein. Außen liegende, abnehmbare Leisten sind ein offenes Scheunentor.

Verklebung. Viele geprüfte Systeme fordern eine umlaufende Verklebung der Scheibe im Falz. Das ist kein optionaler Zusatz, sondern Teil der Prüfung.

Befestigung im Baukörper. Die Verankerung muss nach Herstellervorgabe ausgeführt werden — Anzahl, Abstand und Typ der Befestigungsmittel sind Teil der Klassifizierung. Ein RC-3-Fenster in einer nicht tragfähigen Vorsatzschale ist ein RC-nichts-Fenster.

Für die Nachrüstung im Bestand gilt DIN 18104: Teil 1 für aufgesetzte Nachrüstprodukte, Teil 2 für im Falz eingelassene Systeme. Nachgerüstete Bauteile erreichen keine RC-Klassifizierung nach EN 1627 — sie verbessern das Sicherheitsniveau, ersetzen aber kein geprüftes Element.

Kombination mit anderen Funktionen

Einbruchhemmung tritt selten allein auf. In der Praxis trifft sie regelmäßig auf weitere Anforderungen, und die Kombinationen sind nicht beliebig:

  • Schallschutz profitiert von den dicken PVB-Schichten, die auch die Einbruchhemmung erzeugen — hier arbeiten die Anforderungen in dieselbe Richtung.
  • Wärmeschutz bleibt unkritisch, weil die Sicherheitsscheibe als eine Ebene des Isolierglases ausgeführt wird; der Ug-Wert wird über die Beschichtung und den Scheibenzwischenraum gesteuert.
  • Brandschutz ist der schwierigste Fall: Brandschutzverglasungen sind eigenständig geprüfte Systeme, die nicht ohne Weiteres um eine Einbruchhemmung ergänzt werden können. Beide Eigenschaften zusammen erfordern ein System mit Doppelnachweis — Details dazu im Beitrag zu Brandschutzglas F30, F60 und F90.
  • Absturzsicherung nach DIN 18008-4 ist eine separate Anforderung. P4A-Glas erfüllt sie nicht automatisch.

Der Gewichtszuwachs ist der Faktor, der Kombinationen praktisch begrenzt. Ein Element mit Einbruchhemmung, erhöhtem Schallschutz und Dreifachverglasung kann leicht über 60 kg/m² wiegen. Das muss der Beschlag tragen und die Montage bewegen können.

Was ins Leistungsverzeichnis gehört

Eine Ausschreibung, die nur „einbruchhemmend” fordert, ist nicht prüfbar. Belastbar wird sie erst mit diesen Angaben:

  • Widerstandsklasse nach DIN EN 1627, eindeutig mit oder ohne „N”
  • Glasklasse nach DIN EN 356 (P4A, P5A, P6B …), auch wenn sie sich aus der RC-Klasse ergibt
  • Nachweisform: Prüfbericht einer anerkannten Prüfstelle für das konkrete Bauteil, nicht für ein „vergleichbares” Element
  • Montage nach Herstellervorgabe, Befestigungsplan als Teil der Leistung
  • Angabe, welche Öffnungen betroffen sind — meist alle erreichbaren bis 3 m Höhe, einschließlich Kellerfenster und Lichtschächte

Wie technische Anforderungen sauber in Positionen übersetzt werden, zeigt der Beitrag zur Glasausschreibung mit technischen Spezifikationen.

Ein letzter Punkt aus der Praxis: Einbruchhemmung wirkt nur bei verschlossenem Bauteil. Ein gekipptes RC-3-Fenster ist ein offenes Fenster — auch normativ, denn geprüft wird ausschließlich der verschlossene und verriegelte Zustand. Abschließbare Griffe und, wo sinnvoll, eine Verschlussüberwachung gehören deshalb zur Planung dazu.

Häufige Fragen

Reicht P4A-Glas für RC 2 aus?

Für die Verglasung ja — RC 2 fordert genau P4A. Die Scheibe allein macht aber kein RC-2-Bauteil: Rahmen, Beschlag, Verriegelung und Befestigung müssen gemeinsam geprüft sein. P4A-Glas in einem gewöhnlichen Fenster ergibt kein einbruchhemmendes Element.

Was ist der Unterschied zwischen RC 2 und RC 2 N?

Die Widerstandszeit ist bei beiden gleich (3 Minuten), der Unterschied liegt in der Verglasung. RC 2 fordert P4A, RC 2 N stellt in Deutschland keine Anforderung an das Glas und darf mit Standard-Isolierglas ausgeführt werden. Für erreichbare Fenster im Erdgeschoss ist RC 2 N deshalb ungeeignet.

Kann ich bei einem vorhandenen Fenster einfach die Scheibe tauschen?

Nein, nicht mit dem Ziel einer RC-Klassifizierung. Diese gilt für das geprüfte Gesamtsystem. Wird die Verglasung gegen eine andere getauscht, entspricht das Bauteil nicht mehr dem Prüfbericht. Für den Bestand gibt es Nachrüstlösungen nach DIN 18104, die das Niveau anheben, ohne eine RC-Klasse zu erreichen.

Ist einbruchhemmendes Glas von außen erkennbar?

In der Regel nicht. Die zusätzliche PVB-Schicht ist transparent; sichtbar ist allenfalls die größere Kantendicke im Falzbereich. Optisch unterscheidet sich das Element kaum von einer Standardverglasung — was den Präventionseffekt begrenzt, den Gestaltungsanspruch aber unberührt lässt.

Welche Klasse ist für ein Einfamilienhaus sinnvoll?

Die polizeiliche Empfehlung lautet RC 2 für alle leicht erreichbaren Öffnungen: Haustür, Terrassentür, Erdgeschossfenster und Kellerfenster. RC 3 ist sinnvoll bei uneinsehbarer Lage, Alleinlage oder erhöhtem Wertinventar. RC 4 und höher sind für Wohngebäude in der Regel weder erforderlich noch praktikabel.