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Resttragfähigkeit von Verbundsicherheitsglas

Resttragfähigkeit von Verbundsicherheitsglas

Definition und begriffliche Abgrenzung

Unter der Resttragfähigkeit (auch als Post-Breakage-Verhalten bezeichnet) versteht man im konstruktiven Glasbau die Fähigkeit eines Bauteils aus Verbundsicherheitsglas (VSG), nach dem Bruch einer oder mehrerer Glasscheiben über einen definierten Zeitraum hinweg eine verbleibende Last abzutragen. Im Gegensatz zur reinen Tragfähigkeit des intakten Glases geht es hier um die Vermeidung eines schlagartigen Totalversagens und das Verhindern des Herabstürzens von Bruchstücken oder Personen.


Die Resttragfähigkeit ist ein sicherheitsrelevantes Merkmal, das insbesondere bei Überkopfverglasungen, begehbaren Gläsern und absturzsichernden Verglasungen von zentraler Bedeutung ist. Sie stellt sicher, dass das System nach einem Schadenseintritt bis zum Austausch der Scheibe stabil bleibt (interimistische Standminderungszeit).


Physikalische und technische Grundlagen

Die Resttragfähigkeit von VSG basiert auf dem Zusammenspiel zwischen den Glasarten und der verbindenden Zwischenschicht (meist eine PVB-Folie oder Ionomer-Folie). Sobald eine Glasscheibe bricht, übernimmt die Folie die Zugkräfte, während die Glasbruchstücke die Druckkräfte übertragen.


Der Verzahnungseffekt

Ein wesentlicher Faktor für die Stabilität im Bruchzustand ist der sogenannte Verzahnungseffekt. Hierbei verhaken sich die Bruchstücke der zerstörten Scheibe ineinander und bilden eine Art „Scholle“, die noch eine gewisse Steifigkeit aufweist. Die Effektivität dieser Verzahnung hängt maßgeblich vom Bruchbild der verwendeten Glasart ab:

  • Floatglas (Spiegelglas): Bricht in großen, scharfkantigen Stücken. Diese bieten eine sehr gute Verzahnung, was zu einer hohen Resttragfähigkeit führt.

  • Teilvorgespanntes Glas (TVG): Das Bruchbild ist ähnlich großformatig wie bei Floatglas, jedoch mit etwas engerem Rissnetz. TVG bietet im VSG-Verbund die beste Resttragfähigkeit, da die großen Schollen stabil im Rahmen liegen bleiben.

  • Einscheiben-Sicherheitsglas (ESG): Bricht in ein feingliedriges Krümelbild. Die kleinen Bruchstücke haben kaum Verzahnungspotenzial. VSG aus ESG besitzt daher im gebrochenen Zustand eine sehr geringe Eigensteifigkeit und neigt zum „Aussacken“ (wie eine nasse Decke).


Die Rolle der Zwischenschicht

Die Zwischenschicht muss die Bruchstücke binden und eine ausreichende Reißfestigkeit aufweisen.


  1. PVB (Polyvinylbutyral): Der Standard im Glasbau. PVB ist sehr zäh und reißfest, verliert jedoch bei steigenden Temperaturen (über 30 °C) und langer Belastungsdauer massiv an Steifigkeit. Dies reduziert die Resttragfähigkeit im Sommer erheblich.

  2. Ionomer-Folien (z. B. SentryGlas): Diese Spezialfolien sind bis zu 100-mal steifer und deutlich fester als PVB. Sie ermöglichen eine extrem hohe Resttragfähigkeit, selbst wenn alle Scheiben im Verbund gebrochen sind, da sie das Bauteil auch bei Hitze stabilisieren.


Normative Vorgaben und Nachweise

In Deutschland ist die Bemessung von Glas in der Normenreihe DIN 18008 geregelt. Hier wird die Resttragfähigkeit je nach Anwendungsfall unterschiedlich bewertet:


DIN 18008-2: Überkopfverglasungen

Bei Verglasungen, die mehr als 10° aus der Vertikalen geneigt sind, muss die Resttragfähigkeit sichergestellt sein, damit keine Glasteile auf Personen herabstürzen. Bei Verwendung von VSG aus TVG oder Floatglas wird die Resttragfähigkeit meist rechnerisch als gegeben vorausgesetzt, sofern bestimmte konstruktive Randbedingungen (z. B. allseitige Lagerung) eingehalten werden.


DIN 18008-4: Absturzsichernde Verglasungen

Hier steht der Schutz vor dem Durchstürzen im Vordergrund. Die Verglasung muss nach einem Stoßereignis (Pendelschlagversuch) noch in der Halterung verbleiben und eine horizontale Last abtragen können. Dies wird häufig durch Bauteilversuche nachgewiesen.


DIN 18008-5: Begehbare Verglasungen

Dies ist die strengste Kategorie. Begehbare Gläser müssen im Bruchzustand einer verbleibenden Personenzahl standhalten. In der Regel wird hier gefordert, dass nach dem Bruch der obersten (oder tragenden) Schicht die verbleibende Konstruktion die Last noch für mindestens 30 Minuten (je nach Nutzung auch länger) sicher trägt.


Planungsrelevante Aspekte und häufige Fehler

Ein häufiger Planungsfehler ist die pauschale Annahme, dass VSG aus ESG aufgrund seiner höheren Schlagfestigkeit auch die bessere Resttragfähigkeit besitzt. Das Gegenteil ist der Fall: Im Falle eines Spontanbruchs (z. B. durch Nickelsulfid-Einschlüsse) bietet ESG-VSG ohne zusätzliche Maßnahmen (wie Ionomer-Folien oder eine Kombination mit TVG) kaum Sicherheit gegen ein Zusammenfalten der Scheibe.


Weitere kritische Punkte:

  • Lagerungsbedingungen: Punktgehaltene Verglasungen sind hinsichtlich der Resttragfähigkeit kritischer als linienförmig gelagerte Scheiben. Bei einem Bruch können punktgehaltene ESG-VSG-Scheiben einfach aus den Halterungen „fließen“.

  • Temperatureinfluss: Die Berechnung der Resttragfähigkeit muss immer die maximale Sommertemperatur der Glasoberfläche berücksichtigen. Eine PVB-Folie, die bei 20 °C sicher hält, kann bei 60 °C (direkte Sonneneinstrahlung auf dunklem Untergrund) versagen.

  • Kantenstabilität: Wenn die Folie am Rand Feuchtigkeit zieht (Delamination), sinkt die Haftung der Glassplitter, was die Resttragfähigkeit langfristig gefährdet.


Handlungsempfehlungen für die Praxis

  1. Kombination von Glasarten: Für optimale Sicherheit empfiehlt sich oft ein asymmetrischer VSG-Aufbau oder die Kombination von TVG mit ESG. TVG sorgt für die Resttragfähigkeit durch großflächiges Bruchbild, während ESG die notwendige Biegezugspannung liefert.

  2. Einsatz von Hochleistungsfolien: Bei hohen Anforderungen an die Optik (dünne Scheiben) oder bei punktgehaltenen Systemen sollten steife Ionomer-Folien eingeplant werden. Diese kompensieren das fehlende Verzahnungspotenzial von ESG.

  3. Wartung und Austausch: Resttragfähigkeit ist keine Dauerlösung. Nach einem Glasbruch muss die Scheibe unverzüglich gesichert und zeitnah ausgetauscht werden. Die Resttragfähigkeit dient lediglich der Überbrückung dieser kritischen Zeitspanne zur Gefahrenabwehr.

  4. Rechnerischer Nachweis: Nutzen Sie moderne FEM-Software (Finite-Elemente-Methode), um das Post-Breakage-Verhalten insbesondere bei Sonderkonstruktionen zu simulieren. Dabei muss die Folie als nichtlineares Materialmodell hinterlegt sein.


Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Resttragfähigkeit eine Versicherung des Bauteils gegen das Unvorhersehbare darstellt. Eine kluge Materialwahl (TVG bevorzugen) und die Berücksichtigung der Umgebungsbedingungen (Temperatur) sind für Planer und Architekten die wichtigsten Stellschrauben für ein sicheres Bauwerk.


Häufig gestellte Fragen


Warum hat TVG eine bessere Resttragfähigkeit als ESG?

Das liegt am Bruchbild: TVG bricht in große Schollen, die sich im Bruchfall gegenseitig verkeilen (Verzahnungseffekt) und so eine Reststeifigkeit bilden. ESG hingegen zerfällt in kleine Krümel, die keinen nennenswerten mechanischen Widerstand mehr leisten und nur noch lose an der Folie hängen.


Wie lange muss Verbundsicherheitsglas nach einem Bruch halten?

Es gibt keinen pauschalen Wert, aber die Normen (z. B. DIN 18008) orientieren sich an der Zeit, die zur Gefahrenabwehr oder zum Verlassen des Bereichs nötig ist. Bei begehbaren Gläsern wird oft eine Standzeit von mindestens 30 Minuten unter Last gefordert, bis der Bereich geräumt ist.


Kann man die Resttragfähigkeit durch dickere PVB-Folien erhöhen?

Eine dickere Folie erhöht zwar die Reißfestigkeit und damit den Zusammenhalt der Splitter, verbessert aber die Steifigkeit des gebrochenen Systems (das „Aussacken“) bei Standard-PVB nur geringfügig. Für eine echte Erhöhung der strukturellen Reststeifigkeit sind steifere Spezialfolien (Ionomere) effektiver.


Ist VSG aus Floatglas für Überkopfverglasungen erlaubt?

Ja, unter bestimmten Bedingungen nach DIN 18008-2. Da Floatglas sehr großflächig bricht, bietet es eine hervorragende Resttragfähigkeit, muss jedoch im Verbund verwendet werden, um das Herabstürzen gefährlicher scharfkantiger Scherben zu verhindern.

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