Was sind Low-E-Beschichtungen und wiefunktionieren sie?
- GlasLotsen

- vor 21 Stunden
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Low-E steht für “Low Emissivity”, also geringe Emissivität oder geringer Emissionsgrad. Eine Low-E-Beschichtung ist eine mikroskopisch dünne, transparente Schicht, die auf eine Glasoberfläche aufgetragen wird. Ihre primäre Funktion besteht darin, die Wärmestrahlung zu reflektieren, während sichtbares Licht weitgehend ungehindert passieren kann. Stellen Sie sich vor, Sie haben eine durchsichtige Barriere, die Hitze aufhält, aber Licht durchlässt. Die Sonne sendet kurzwellige Strahlung aus, die von der Erde absorbiert und als langwellige Wärmestrahlung wieder abgegeben wird. Im Winter wollen wir diese Wärmestrahlung, die von unserer Heizung oder anderen Wärmequellen im Raum erzeugt wird, im Gebäude halten. Im Sommer hingegen möchten wir die langwellige Wärmestrahlung von außen, die durch Sonneneinstrahlung entsteht, draußen halten. Low-E-Beschichtungen erfüllen genau diese Aufgabe: Sie minimieren den Wärmeaustausch durch Strahlung. Das Geheimnis liegt in der Materialwahl. Typischerweise bestehen diese Schichten aus Metallen wie Silber oder Indiumzinnoxid, die hervorragende Reflektionseigenschaften für Infrarotstrahlung besitzen. Diese Metalle sind extrem dünn aufgetragen, oft nur wenige Nanometer dick, sodass sie das sichtbare Lichtspektrum kaum beeinflussen. Der Effekt ist beeindruckend: Ein Glas ohne Beschichtung emittiert oder absorbiert Wärmestrahlung relativ frei, während ein Low-E-beschichtetes Glas den Wärmefluss stark reduziert.
Der Emissionsgrad (ε) als Schlüsselparameter
Der Emissionsgrad (ε) ist ein zentraler Kennwert für die Wirksamkeit einer Low-EBeschichtung. Er beschreibt die Fähigkeit einer Oberfläche, Wärme durch Strahlung abzugeben (zu emittieren). Ein perfekter Schwarzkörper hat einen Emissionsgrad von 1,0, was bedeutet, dass er die gesamte auf ihn treffende Strahlung absorbiert und auch maximal abstrahlt. Eine perfekt spiegelnde Oberfläche hätte einen Emissionsgrad von 0,0. Standard-Floatglas hat einen Emissionsgrad von etwa 0,83 bis 0,89. Das bedeutet, es strahlt einen Großteil der aufgenommenen Wärme wieder ab. Eine Low-EBeschichtung zielt darauf ab, diesen Wert drastisch zu senken. Je niedriger der Emissionsgrad, desto weniger Wärme wird durch Strahlung abgegeben und desto besser ist die Wärmedämmung des Glases.
Der Emissionsgrad beeinflusst direkt den U-Wert (Wärmedurchgangskoeffizient) einer Verglasung. Der U-Wert gibt an, wie viel Wärme pro Quadratmeter und Kelvin Temperaturunterschied durch ein Bauteil verloren geht. Ein niedriger U-Wert bedeutet eine bessere Wärmedämmung. Durch den Einsatz von Low-E-Beschichtungen kann der U-Wert eines Isolierglases erheblich verbessert werden. Beispielsweise kann ein 2- fach-Isolierglas mit einem unbeschichteten Scheibenzwischenraum und einem U-Wert von ca. 2,8 W/(m²K) durch die Anwendung einer Low-E-Beschichtung auf einer der Scheiben und einer Gasfüllung (z.B. Argon) einen U-Wert von 1,1 W/(m²K) erreichen. Bei 3-fach-Isolierglas sind sogar U-Werte von 0,6 W/(m²K) oder niedriger realisierbar, oft mit zwei Low-E-Beschichtungen.
Typen von Low-E-Beschichtungen: Passiv vs. Solarkontrollierend
Low-E-Beschichtungen lassen sich grob in zwei Hauptkategorien einteilen, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen: Passive
Low-E-Beschichtungen (Wärmedämmbeschichtungen)
Diese Beschichtungen sind primär für kalte Klimazonen oder Gebäude gedacht, in denen der Wärmeerhalt im Winter im Vordergrund steht. Sie lassen einen Großteil der Sonnenenergie (kurzwellige Strahlung) ins Gebäude, reflektieren aber die langwellige Wärmestrahlung, die von Heizkörpern, Menschen oder anderen Wärmequellen im Raum abgegeben wird, zurück ins Innere.
Funktion: Sie maximieren den solaren Energiegewinn (g-Wert) und minimieren gleichzeitig den Wärmeverlust durch Abstrahlung (niedriger U-Wert).
Optik: Sie sind in der Regel farbneutral und hochtransparent.
Einsatzbereich: Wohngebäude, Bürogebäude in gemäßigten bis kalten Klimazonen, wo passive Solargewinne im Winter erwünscht sind.
Solar-kontrollierende Low-E-Beschichtungen (Sonnenschutzbeschichtungen)
Diese Beschichtungen sind für warme Klimazonen oder Gebäude konzipiert, die auch im Sommer eine Überhitzung vermeiden müssen. Sie reflektieren nicht nur die langwellige Wärmestrahlung aus dem Raum zurück, sondern auch einen erheblichen Teil der kurzwelligen Sonnenstrahlung, bevor sie ins Gebäude gelangt.
Funktion: Sie reduzieren den solaren Energiegewinn (niedriger g-Wert) und minimieren gleichzeitig den Wärmeverlust durch Abstrahlung (niedriger U-Wert).
Optik: Sie können eine leichte Tönung oder Reflektion aufweisen, um den Sonnenschutz zu verstärken.
Einsatzbereich: Gebäude mit großen Glasflächen, Südfassaden, Bürogebäude, Klimazonen mit intensiver Sonneneinstrahlung, um den Bedarf an Klimatisierung zu reduzieren.
Die Wahl des richtigen Typs hängt stark vom Klima, der Ausrichtung des Gebäudes und den spezifischen Anforderungen an den Energieverbrauch ab. Ein Gebäude in Nordeuropa benötigt möglicherweise eine passive Beschichtung, um im Winter Solargewinne zu maximieren, während ein Gebäude in Südeuropa eher eine solarkontrollierende Beschichtung benötigt, um die Kühllasten im Sommer zu minimieren.
Herstellungsverfahren: Pyrolytisch vs. MSVD
Die Art der Applikation der Low-E-Beschichtung hat entscheidenden Einfluss auf deren Eigenschaften und Performance. Es gibt im Wesentlichen zwei Hauptverfahren:
Pyrolytisches Verfahren (Hard Coat)
Bei diesem Verfahren wird die Beschichtung während des Glasherstellungsprozesses auf das noch heiße Glasband aufgebracht. Metalloxide werden in gasförmiger Form auf die Oberfläche gesprüht, wo sie pyrolytisch, also unter Hitzeeinwirkung, reagieren und sich fest mit der Glasoberfläche verbinden. Die Beschichtung wird quasi “eingebrannt”.
Vorteile:
Extrem robust und kratzfest, da die Beschichtung fest mit dem Glas verbunden ist.
Kann auf der Außenseite von Einfachverglasungen oder auf der Innenseite von Isoliergläsern eingesetzt werden.
Kann zu ESG (Einscheibensicherheitsglas) oder VSG (Verbundsicherheitsglas) weiterverarbeitet werden, ohne die Beschichtung zu beschädigen.
Nachteile:
Der Emissionsgrad ist mit Werten von typischerweise ε ≈ 0,15–0,20 höher als bei MSVD-Beschichtungen, was zu einem weniger effizienten Wärmeschutz führt.
Die optischen Eigenschaften können eine leichte Tönung oder eine höhere Reflektion aufweisen.
Einsatz:
Anwendungen, die eine hohe mechanische Beständigkeit erfordern, wie z.B. in Kühlmöbeln, Öfen oder bei bestimmten Fassaden.
MSVD-Verfahren (Magnetron Sputtered Vacuum Deposition - Soft Coat)
Das MSVD-Verfahren ist ein Vakuumbeschichtungsverfahren. Hierbei wird das Glas in einer Vakuumkammer mit mehreren Schichten aus Metallen (oft Silber) und dielektrischen Materialien (Metalloxide) bedampft. Das Sputtern erfolgt durch Beschuss von Targets mit Ionen, wodurch Atome herausgelöst und auf dem Glas abgeschieden werden.
Vorteile:
Erreicht sehr niedrige Emissionsgrade von typischerweise ε ≈ 0,03–0,05, was zu einer deutlich besseren Wärmedämmung führt.
Ermöglicht eine präzisere Kontrolle über die Schichtdicken und Materialzusammensetzungen, wodurch eine breite Palette an optischen und energetischen Eigenschaften realisierbar ist (z.B. sehr farbneutral oder spezifische Sonnenschutzfunktionen). Dünnste Silberschichten sind entscheidend für die hohe Selektivität.
Nachteile:
Die Beschichtung ist empfindlicher gegenüber mechanischer Beanspruchung und muss daher in der Regel auf der Innenseite eines Isolierglases (Oberfläche 2 oder 3) platziert werden, wo sie vor Witterung und Abrieb geschützt ist.
Eine Weiterverarbeitung wie das Härten zu ESG ist nur mit speziellen, hitzebeständigen Soft-Coats möglich, da die empfindlichen Silberschichten bei hohen Temperaturen oxidieren würden.
Einsatz:
Die dominierende Technologie für hochwertige Wärmedämm- und Sonnenschutzverglasungen in modernen Gebäuden.
Einsatzbereiche und Vorteile von Low-E-Beschichtungen
Low-E-Beschichtungen sind aus der modernen Architektur und dem Bauwesen nicht mehr wegzudenken. Ihre Vorteile sind vielfältig und wirken sich auf den Energieverbrauch, den Komfort und sogar die Ästhetik aus.
Reduzierter Energieverbrauch
Der offensichtlichste Vorteil ist die signifikante Senkung des Energiebedarfs für Heizung und Kühlung. Durch die Reduzierung des Wärmeverlusts im Winter und des Wärmegewinns im Sommer werden Heizkosten und der Stromverbrauch für Klimaanlagen drastisch reduziert. Dies führt zu einer geringeren CO2-Emission und unterstützt die Nachhaltigkeitsziele von Gebäuden.
Praxisbeispiel: Betrachten wir ein typisches Einfamilienhaus in Deutschland mit einer Fensterfläche von 25 m². Ein altes 2-fach-Isolierglas (Baujahr vor 1995) hatte einen UWert von ca. 2,8 W/(m²K) und einen Emissionsgrad von etwa ε = 0,85. Ein modernes 3- fach-Isolierglas mit zwei MSVD-Low-E-Beschichtungen (ε ≈ 0,04) und Argonfüllung erreicht einen U-Wert von 0,6 W/(m²K) und einen g-Wert von ca. 0,55. Bei einer Heizperiode von 210 Tagen und einer durchschnittlichen Temperaturdifferenz von 15 K zwischen innen und außen, sowie Heizkosten von 0,10 € pro kWh, ergibt sich:
Altes Glas: Wärmeverlust: 25 m² 2,8 W/(m²K) 15 K 210 Tage 24 h/Tag / 1000 = 5292 kWh/Jahr. Kosten: 529,20 €/Jahr.
Neues Glas: Wärmeverlust: 25 m² 0,6 W/(m²K) 15 K 210 Tage 24 h/Tag / 1000 = 1134 kWh/Jahr. Kosten: 113,40 €/Jahr. Die jährliche Heizkostenersparnis allein durch die Fenster beträgt in diesem Beispiel beeindruckende 415,80 €. Dies zeigt das immense Potenzial von Low-E-Beschichtungen.
Erhöhter Wohnkomfort
Fenster mit Low-E-Beschichtungen reduzieren den sogenannten “Kaltluftabfall” an der Innenseite der Scheibe. Da die innere Oberflächentemperatur des Glases höher ist, entstehen weniger Zugerscheinungen und die Strahlungskälte wird minimiert. Dies führt zu einem angenehmeren Raumklima, selbst in Fensternähe. Im Sommer wird die Überhitzung der Räume durch Sonneneinstrahlung effektiv reduziert, was den Komfort ebenfalls steigert.
Schutz vor UV-Strahlung
Viele Low-E-Beschichtungen filtern auch einen Großteil der schädlichen UV-Strahlung heraus. Dies schützt Möbel, Teppiche und Kunstwerke vor dem Ausbleichen und trägt zum Werterhalt der Inneneinrichtung bei.
Ästhetik und Lichttransmission
Moderne Low-E-Beschichtungen sind so entwickelt, dass sie eine hohe Lichttransmission ermöglichen und weitestgehend farbneutral sind. Das natürliche Tageslicht kann so optimal genutzt werden, ohne dass die Optik des Glases beeinträchtigt wird. Das ist besonders wichtig für die architektonische Gestaltung und das Wohlbefinden der Nutzer.
Einhaltung von Normen und Standards
Die Leistungsfähigkeit von Verglasungen, einschließlich der Low-E-Beschichtungen, wird durch europäische Normen wie die EN 1096 “Glas im Bauwesen – Beschichtetes Glas” geregelt. Diese Norm definiert die Anforderungen an beschichtetes Glas und klassifiziert die Beschichtungen nach ihrer Dauerhaftigkeit. Die DIN 18008 “Glas im Bauwesen – Bemessungs- und Konstruktionsregeln” bezieht sich ebenfalls auf die Anforderungen an Verglasungen und deren energetische Eigenschaften, die durch Low-E-Beschichtungen maßgeblich beeinflusst werden. Die Einhaltung dieser Normen ist für die Sicherheit und Energieeffizienz von Gebäuden unerlässlich.
Low-E-Beschichtungen in der Zukunft
Die Entwicklung von Low-E-Beschichtungen ist noch lange nicht abgeschlossen. Die Forschung konzentriert sich auf:
Noch niedrigere Emissionsgrade: Ziel ist es, die Wärmedämmung weiter zu verbessern und den U-Wert von Verglasungen noch näher an den von opaken Bauteilen heranzuführen.
Dynamische Beschichtungen: Elektrochrome oder thermochrome Beschichtungen, die ihre Eigenschaften (z.B. Lichttransmission oder Sonnenschutz) je nach Bedarf anpassen können, sind ein vielversprechendes Forschungsfeld. [INTERNER LINK: Smart Glass]
Multifunktionale Beschichtungen: Kombination von Low-E-Eigenschaften mit weiteren Funktionen wie Selbstreinigung, Antireflexion oder integrierter Photovoltaik. Nachhaltigere Produktionsverfahren: Reduzierung des Energieverbrauchs und der Ressourcen bei der Herstellung der Beschichtungen.
Die kontinuierliche Verbesserung dieser Technologien wird entscheidend sein, um die Energieeffizienz von Gebäuden weiter zu optimieren und den Anforderungen an eine nachhaltige Bauweise gerecht zu werden.
Low-E-Beschichtungen sind eine unverzichtbare Technologie im modernen Bauwesen. Sie ermöglichen eine drastische Reduzierung des Energieverbrauchs für Heizung und Kühlung, verbessern den Wohnkomfort und schützen die Inneneinrichtung. Ob passive Wärmedämmung oder solar-kontrollierender Sonnenschutz – die Wahl der richtigen Beschichtung, hergestellt im pyrolytischen oder hochleistungsfähigen MSVDVerfahren, ist entscheidend für die Performance eines Gebäudes. Wer heute baut oder saniert, kommt an dieser intelligenten Glaslösung nicht vorbei. Sie ist ein Paradebeispiel dafür, wie technische Innovationen zu mehr Effizienz und Lebensqualität beitragen.




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