Feuerwiderstandsklassen bei Glas: EI30, EI60, EI90 und EI120 im Überblick
- GlasLotsen

- vor 5 Tagen
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Wer ein Gebäude plant, das Brandschutzanforderungen erfüllen muss, kommt an Feuerwiderstandsklassen nicht vorbei. Gerade bei Verglasungen – ob in Treppenhäusern, Fluchtwegen oder Brandabschnitten – entscheidet die richtige Klassifizierung darüber, ob ein Bauteil zugelassen wird oder nicht. Und trotzdem herrscht in der Praxis oft Verwirrung: Was genau bedeutet EI30? Warum gibt es EW-Klassen? Und wann reicht E allein nicht aus?
Dieser Artikel erklärt das Klassifizierungssystem systematisch – mit Normbezug, konkreten Einsatzbereichen und den Planungsdetails, die in der täglichen Arbeit wirklich relevant sind.
Das Buchstabensystem: Was R, E, I und W bedeuten
Die europäische Norm DIN EN 13501-2 legt fest, nach welchen Kriterien Bauteile – und damit auch Verglasungen – klassifiziert werden. Dabei stehen die Buchstaben für spezifische Leistungsmerkmale: R steht für Tragfähigkeit (Résistance) – das Bauteil bleibt unter Brandeinwirkung standsicher. E steht für Raumabschluss (Étanchéité) – Flammen und heiße Gase dringen nicht durch. I steht für Wärmedämmung (Isolation) – die Temperatur auf der brandabgewandten Seite steigt nicht über 140 K. W steht für Strahlungsabschirmung – Wärmestrahlung wird begrenzt, aber keine vollständige Isolation.
Für Verglasungen ist R in der Regel nicht relevant, da Glas keine tragende Funktion übernimmt. Die für den Glasbereich entscheidenden Klassen sind E, EW und EI – in dieser Reihenfolge steigender Schutzwirkung. Die Zahl hinter dem Buchstaben gibt die geprüfte Widerstandsdauer in Minuten an. EI 60 bedeutet also: Das Bauteil hält im Normversuch mindestens 60 Minuten lang sowohl Raumabschluss als auch Wärmedämmung aufrecht.
Die drei Schutzklassen für Glas im Detail
E – Raumabschluss ohne Wärmedämmung
Glas der Klasse E verhindert, dass Flammen und Rauchgase auf die brandabgewandte Seite gelangen. Eine Wärmedämmung findet nicht statt – die Oberfläche auf der sicheren Seite kann sich stark aufheizen. Typisches Einsatzgebiet: Bereiche, in denen Personen nicht dauerhaft in unmittelbarer Nähe der Verglasung verweilen, etwa bestimmte Industriebereiche oder Außenfassaden mit ausreichend Abstand. Früher entsprach die E-Klasse dem deutschen Begriff G-Verglasung nach DIN 4102.
EW – Strahlungsabschirmung mit begrenzter Wärmedämmung
Die EW-Klasse ist ein Mittelweg: Sie begrenzt die Wärmestrahlung auf der brandabgewandten Seite auf maximal 15 kW/m², schützt aber nicht vollständig vor Wärmedurchgang. Für Bereiche, in denen Personen sich kurzzeitig aufhalten oder Fluchtwege entlangführen, kann EW eine wirtschaftliche Alternative zu EI sein – sofern die Bauordnung es zulässt.
EI – Vollständiger Schutz: Raumabschluss und Wärmedämmung
Die EI-Klasse bietet das höchste Schutzniveau für Verglasungen. Neben dem Raumabschluss wird auch die Wärmedämmung sichergestellt: Die Temperatur auf der brandabgewandten Oberfläche darf im Mittel um nicht mehr als 140 K über die Ausgangstemperatur steigen, an keinem Punkt mehr als 180 K. Das entspricht der früheren deutschen F-Verglasung nach DIN 4102. Für die meisten sicherheitsrelevanten Bereiche in Gebäuden – Treppenhäuser, Fluchtwege, Brandabschnitte – schreiben Landesbauordnungen und Sonderbauvorschriften EI-Verglasungen vor.
EI30, EI60, EI90 und EI120: Einsatzbereiche und Anforderungen
Die Wahl der richtigen Feuerwiderstandsdauer hängt von Gebäudekategorie, Nutzung und Landesbauordnung ab.
EI 30 – 30 Minuten Schutz
EI 30 ist die unterste Stufe der vollständigen Brandschutzklasse. Sie reicht für Treppenhäuser in Wohngebäuden geringerer Höhe (bis ca. 13 m Oberkante Fußboden des obersten Geschosses) sowie für Türen und Verglasungen in weniger kritischen Fluchtwegen. Glasdicken liegen bei EI 30 typischerweise zwischen 15 und 22 mm, abhängig vom Hersteller und Systemaufbau.
Ein konkretes Beispiel: In einem dreigeschossigen Bürogebäude mit einem Treppenhaus, das als einziger Fluchtweg dient, ist EI 30 für die Verglasung der Treppenhausabtrennung häufig ausreichend – sofern keine Sonderbauvorschriften greifen.
EI 60 – 60 Minuten Schutz
EI 60 kommt in Schulen, Krankenhäusern, Pflegeheimen und Verwaltungsgebäuden zum Einsatz, wo eine längere Evakuierungszeit einkalkuliert werden muss. Auch Brandabschnitte zwischen unterschiedlichen Nutzungseinheiten in Mischgebäuden erfordern häufig EI 60. Die Glasdicken steigen auf 25–35 mm, das Gewicht auf 40–60 kg/m². Wichtig für die Planung: Bei EI 60 und höher sind die Anforderungen an die Rahmenkonstruktion deutlich strenger. Nicht jedes Aluminium- oder Stahlprofil ist für diese Klasse zugelassen – die Systemprüfung des Herstellers muss den konkreten Einbaufall abdecken.
EI 90 – 90 Minuten Schutz
EI 90 ist in Hochhäusern (ab ca. 22 m Oberkante Fußboden), großen öffentlichen Gebäuden und Sonderbauten mit hoher Personenzahl vorgeschrieben. Glasdicken von 35–45 mm und Gewichte von 60–80 kg/m² sind hier üblich. Ein Praxisbeispiel: Ein Krankenhaus-Neubau mit fünf Geschossen und einem zentralen Atrium benötigt für die Abtrennung der Fluchttreppen EI 90-Verglasungen. Die Statik der Trennwandkonstruktion muss dabei auf Glasgewichte von bis zu 80 kg/m² ausgelegt sein – ein Aspekt, der in frühen Planungsphasen oft unterschätzt wird.
EI 120 – 120 Minuten Schutz
EI 120 ist die höchste Standardklasse für Verglasungen im Hochbau. Sie kommt in Industrieanlagen, Lagerhallen mit hohen Brandlasten, Rechenzentren und Sonderbauten mit besonders sensiblen Gütern oder langen Evakuierungszeiten zum Einsatz. Glasdicken von 40–55 mm und Gewichte von bis zu 90 kg/m² erfordern entsprechend dimensionierte Tragkonstruktionen.
Aufbau von Brandschutzglas: Wie EI-Klassen erreicht werden
Normales Floatglas oder ESG erfüllt keine EI-Anforderungen. Um Feuerwiderstand zu erreichen, werden spezielle Aufbauten eingesetzt. Intumeszierende Zwischenschichten sind das gängigste Prinzip bei EI-Gläsern. Zwischen zwei oder mehr Glasscheiben befindet sich eine transparente Schicht aus einem Alkalisilikat-Gel. Im Brandfall schäumt dieses Material auf, bildet einen opaken Wärmeschild und verhindert den Wärmedurchgang. Je mehr Schichten, desto höher die erreichbare Klasse – und desto dicker und schwerer das Glas.
Hersteller wie Pilkington (Pyrostop®), Vetrotech (Contraflam®) oder AGC (Pyrobel®) bieten zertifizierte Systeme an, die von EI 30 bis EI 120 und darüber hinaus reichen. Entscheidend ist dabei: Das Glas allein hat keinen Feuerwiderstand. Erst das geprüfte Gesamtsystem aus Glas, Rahmen, Befestigung und Dichtung erhält die Klassifizierung.
Normen und Prüfverfahren: Was hinter der Klassifizierung steckt
Die Klassifizierung nach EI-Klassen basiert auf genormten Brandversuchen. DIN EN 13501-2 ist die europäische Klassifizierungsnorm für Bauteile unter Feuerwiderstandsbedingungen. DIN EN 1364-1 regelt die Prüfung nichttragende Wände, zu denen auch Verglasungen zählen. Der Prüfkörper wird in einem Brandofen dem Einheitstemperaturzeitverlauf (ETK) ausgesetzt – einer genormten Temperaturkurve, die in 30 Minuten auf rund 842 °C und in 120 Minuten auf etwa 1.029 °C ansteigt. DIN 4102 ist die ältere deutsche Norm, die parallel zur europäischen Norm noch Gültigkeit hat. EN 357 regelt speziell die Prüfung von Brandschutzverglasungen aus Glas und Glaserzeugnissen.
Das ift Rosenheim und die MPA Braunschweig sind in Deutschland die wichtigsten akkreditierten Prüfinstitute für Feuerwiderstandsprüfungen an Glasprodukten.
Planungshinweise: Was Architekten und Planer wissen müssen
Das Gesamtsystem zählt, nicht das Glas allein. Ein EI 90-Glas in einem nicht geprüften Rahmen verliert seine Klassifizierung. Hersteller liefern Systemzulassungen, die genau definieren, welche Rahmenprofile, Befestigungsabstände und Dichtungen zulässig sind. Abweichungen davon erfordern eine objektbezogene Zustimmung (ZiE) oder eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung (abZ).
Statische Anforderungen frühzeitig klären: Mit steigender EI-Klasse steigen Glasdicke und Gewicht erheblich. Eine EI 120-Verglasung mit 90 kg/m² belastet eine 2 m × 1 m große Scheibe mit 180 kg – zuzüglich Rahmen und Befestigung. Das muss in der Tragwerksplanung berücksichtigt werden. Landesbauordnungen variieren: Die Musterbauordnung (MBO) gibt Rahmenvorgaben, aber die 16 Landesbauordnungen weichen teilweise ab. Für Sonderbauten gelten zudem eigene Sonderbauvorschriften.
FAQ – Häufige Fragen zu Feuerwiderstandsklassen bei Glas
Was bedeutet EI bei Brandschutzglas?
EI steht für Raumabschluss (E) und Wärmedämmung (I). Ein EI-Glas verhindert sowohl den Durchtritt von Flammen und Rauchgasen als auch einen zu starken Wärmedurchgang auf die brandabgewandte Seite. Die Zahl dahinter gibt die geprüfte Widerstandsdauer in Minuten an.
Welche Feuerwiderstandsklasse brauche ich für ein Treppenhaus?
Das hängt von der Gebäudeklasse und der Landesbauordnung ab. In Wohngebäuden bis zur Gebäudeklasse 4 reicht für Treppenhausverglasungen oft EI 30. Ab Gebäudeklasse 5 und in Sonderbauten sind EI 60 oder EI 90 üblich. Die genaue Anforderung muss immer am konkreten Projekt geprüft werden.
Kann ich normales ESG als Brandschutzglas verwenden?
Nein. ESG hat keinen Feuerwiderstand im Sinne der EI-Klassifizierung. Im Brandfall zerspringt ESG nach kurzer Zeit. Für Brandschutzanforderungen werden spezielle Brandschutzgläser mit intumeszierenden Zwischenschichten benötigt.
Was ist der Unterschied zwischen DIN 4102 und EN 13501-2?
DIN 4102 ist die ältere deutsche Norm mit den Klassen F30, F60, F90 und F120. EN 13501-2 ist die europäische Norm mit den Klassen E, EW und EI. Beide Normen haben in Deutschland gleichzeitig Gültigkeit. Die F-Klassen entsprechen in etwa den EI-Klassen, sind aber nicht vollständig identisch.
Wie schwer ist EI 120-Brandschutzglas?
EI 120-Brandschutzglas erreicht Glasdicken von 40–55 mm und Flächengewichte von bis zu 90 kg/m². Eine Scheibe mit 2 m × 1 m Fläche wiegt damit rund 180 kg – ohne Rahmen.
Feuerwiderstandsklassen bei Glas sind kein bürokratisches Detail – sie entscheiden darüber, wie lange ein Gebäude im Brandfall sicher bleibt und ob Fluchtwege wirklich nutzbar sind. Die Klassifizierung nach EI30, EI60, EI90 und EI120 folgt klaren Normen (DIN EN 13501-2, EN 1364-1, EN 357), aber die richtige Anwendung erfordert Kenntnis der Landesbauordnungen, der Systemzulassungen und der statischen Konsequenzen. Wer Brandschutzverglasungen plant, sollte früh im Prozess klären: Welche Klasse fordert das Brandschutzkonzept? Welches Gesamtsystem ist zugelassen? Und welche statischen Lasten entstehen daraus?




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